Feierliche Eröffnung des Museums in Warschau

Eröffnung des Museums in Warschau (Foto: M. Starowieyska / Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN)

Eröffnung des Museums in Warschau (Foto: M. Starowieyska / Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN)

Am 28. / 29. Oktober 2014 wurde das „Museum der Geschichte der polnischen Juden“ feierlich eröffnet. Das Gebäude war bereits im vergangenen Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt worden – jetzt ging es um die Präsentation der Haupt-Ausstellung. Die offizielle Eröffnung wurde durch Staatspräsident Bronislaw Komorowski und den neuen Staatspräsidenten Israels, Reuven Livnik, vorgenommen, der dafür seine erste Auslandsreise unternommen hatte.

Ein reiches Kulturprogramm mit öffentlichen Konzerten und Museums-Führungen rankte sich um drei Haupt-Veranstaltungen: den „Donor’s Day“ im Museumsgebäude, ein festliches Konzert im Teatr Wielki mit prominenten Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens, sowie die eigentliche Eröffnungs-Zeremonie auf dem Gelände zwischen dem Museum und dem Denkmal für die Opfer des Ghetto-Aufstands.

An Aufwand wurde nicht gespart. Es war das polnische Kultur-Ereignis des Jahres.   Das nationale und internationale Medienecho – gerade auch in Deutschland – war beachtlich.

Das Museum, mit 4.300 qm Ausstellungsfläche das weltweit größte seiner Art, überzeugt durch eine klare und zugleich symbolträchtige Architektur (Architekten Rainer Mahlamäki und Illmani Lahdelma aus Finnland) sowie durch seine moderne, multimediale Präsentation.

Der Ghetto-Aufstand und seine brutale Niederschlagung durch das deutsche Besatzungsregime bilden den bedrückenden Höhepunkt eines Rundgangs durch das Museum – dennoch ist das Haus alles andere als ein Holocaust-Museum. Nicht das Sterben wird in den Vordergrund gestellt,

vielmehr die tausendjährige Geschichte eines lebendigen, vielfältigen jüdischen Alltags- und Kulturleben in Polen, wobei mit „Polen“ das historische Gebiet der Polnisch-Litauischen Union gemeint ist, d.h. einschließlich heute ukrainischer, weißrussischer und und litauischer Gebiete.

Das im europäischen Vergleich tolerante Königreich („Paradisus Judaeorum“) wurde zur wichtigsten jüdischen Heimstatt. Bis zur Katastrophe des Holocaust lebten dort über drei Viertel der jüdischen Bevölkerung insgesamt. Das Museum macht auch deutlich, wie viel Polen der jüdischen Kultur verdankt.

Dass es dabei dunkle, für Polen schwierigen Phasen gab, wird keineswegs verschwiegen. Das Museum berichtet von den Verfolgungen, denen Juden im Laufe der Geschichte immer wieder ausgesetzt waren, von antisemitischen Ausschreitungen und Denunzierungen während der deutschen Besatzungszeit, von den Pogromen in den frühen Nachkriegsjahren und der „antizionistische“ Kampagne Ende der 60er Jahre.

Es liegt nahe, einen Vergleich zum Berliner Jüdischen Museum zu ziehen. Gewiss verfügt das Berliner Museum über mehr Original-Objekte – in Warschau haben aufgrund der brutalen, umfassenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg kaum Original-Exponate überlebt. Doch versteht es das Warschauer Museum, diesen Nachteil in einen Vorteil zu wenden. Die wenigen Originalobjekte erhalten als Unikate eine besonders hervorgehobene, auch symbolische Bedeutung. Im übrigen nutzt das Museum konsequent und in kreativer Weise alle technischen Möglichkeiten moderner Museumspädagogik. Eine theaterbühnenhafte Präsentation, vielfältige Multimedia-Installationen und –projektionen sowie Rekonstruktionen ergeben eine sinnlich faszinierende Ausstellung. Höhepunkt ist die Rekonstruktion der farbig ausgemalten, im Krieg zerstörten Kuppel der Synagoge von Gwozdziec (heute Ukraine), die durch ihre künstlerische Perfektion beeindruckt.

Überzeugend ist auch das Konzept, die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft konsequent in die allgemeine Geschichte Polens und Mitteleuropas einzubetten.

Das Museum hat eine mühsame, über 20-jährige Planungs- und Finanzierungsgeschichte hinter sich. Mit dem Ende des kommunistischen Regimes 1989 /90 war es möglich geworden, die Rolle der jüdischen Gemeinschaft in Polen neu zu deuten und zu definieren. Die bis heute anhaltende Debatte leitete einen Umdenkungsprozess ein und beendete das Schweigen, das in Polen zu diesem Thema nach dem Holocaust und den Repressionsmaßnahmen des kommunistischen Regimes herrschte.

Es waren engagierte Mitarbeiter des Warschauer Jüdischen Historischen Instituts – insbesondere Vorstandsmitglied Grazyna Pawlak – die aktiv eine öffentliche Neubewertung der Rolle der jüdischen Gemeinschaft in Polen und ihrer Geschichte anstrebten. Grazyna Pawlak hatte die Eröffnung des amerikanischen Holocaust Museums erlebt und war zu der Überzeugung gelangt, dass ein Museum nötig ist, das die komplexe, langjährige jüdische Geschichte in Polen auf umfassendere Weise Form erzählt.

Also kein weiteres Holocaust-Museum – in Polen sind es die vielen KZ-Gedenkstätten, die die Rolle des Landes als Shoa-Begräbnisstätte nachdrücklich symbolisieren. Vielmehr sollte es darum gehen, das vielfältige jüdische Leben in Polen während der vergangenen 1000 Jahre sowie das polnisch-jüdische Zusammenleben als einen wichtigen Teil der polnischen Geschichte darzustellen.

Nicht zuletzt ging es um Polens Image in der weltweiten jüdischen Gemeinschaft: das Land möchte nicht nur als jüdischer Friedhof wahrgenommen werden. Damit gewinnt das Museum zugleich eine innen- und außenpolitische Dimension.

Grazyna Pawlak hatte bereits frühzeitig – im Jahre 1993 – den Kontakt zur deutschen Botschaft gesucht. Daraus entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit – und schließlich ein substantielles deutsches Engagement.

Den Durchbruch brachte die Begegnung mit Bundespräsident Roman Herzog anlässlich seines Staatsbesuches August 1994, den sie vom Sinn des Vorhabens überzeugte. Im Jahre 1996 erfolgte die Gründung unseres Vereins („Verein zur Förderung des Museums für jüdische Geschichte in Polen e.V.“) im Bundespräsidialamt. Bundespräsident Roman Herzog übernahm gemeinsam mit dem früheren israelischen Staatspräsident Chaim Herzog die Schirmherrschaft über das Projekt. Im Laufe der folgenden Jahre wirkte der Verein – zunächst unter Leitung von Franz Bertele, ab 2005 unter Joseph Thesing – darauf hin, dass erhebliche Fördermittel mobilisiert wurden. Die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gab 2 Millionen DM – es folgten weitere 5 Millionen Euro aus Mitteln der Bundesregierung.

Der deutsche Beitrag wurde bei den Warschauer Feierlichkeiten ausdrücklich und in vielfältiger Form gewürdigt. In einem FAZ-Interview hob der Direktor des Museums Dariusz Stola die entscheidende Bedeutung der deutschen Anfangsfinanzierung hervor. Ohne das deutsche finanzielle Engagement in der prekären Anfangsphase hätte das Vorhaben kaum realisiert werden können. Die deutsche Präsenz bei den Eröffnungsveranstaltungen war unübersehbar: Staatsministerin Maria Böhme vom Auswärtigen Amt war aus Berlin angereist; der deutsche Botschafter Rolf Nikel sowie ein Vertreter von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit hatten beim Festakt zum „Donor’s Day“ zusammen mit den anderen Groß-Sponsoren auf der Bühne Platz genommen. Unter den Inschriften auf der großen Steinwand des Museums mit der Auflistung der Spender erscheint der deutsche Beitrag an herausgehobener Stelle.

Unser Verein war durch seinen Vorsitzenden Markus Meckel, den Ehrenvorsitzenden Botschafter Franz Bertele, den gesamten Vorstand sowie mehrere Mitglieder bei den Feierlichkeiten vertreten. Als „German Committee“ wurden wir allseits freundlich empfangen und in alle offiziellen Termine einbezogen.

Obwohl der Verein mit der Fertigstellung und der offiziellen Eröffnung des Museums seine wesentliche Aufgabe erfüllt hat, war es der ausdrückliche Wunsch des Museums, dass er dessen Arbeit auch künftig begleiten möge. Unser Verein hat sich daher unter der Leitung des neuen Vorstandes mit dem Vorsitzenden Markus Merkel vorgenommen, mit einer neuen Schwerpunktsetzung das Museum in Deutschland noch bekannter zu machen und auch Programe und Projekte der deutsch-jüdisch-polnischen Zusammenarbeit mit dem Museum zu fördern.

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